Kurz nach 10:40 Uhr morgens am 7. Oktober fuhr eine große Anzahl von Fahrzeugen durch die Tore des Al-Shifa-Krankenhauses, dem größten medizinischen Komplex in Gaza. Es handelte sich nicht um Krankenwagen, und sie transportierten keine verwundeten Terroristen. Sie transportierten israelische Geiseln.
Anhand neu aufgetauchter exklusiver palästinensischer Videoaufnahmen lässt sich nun nachweisen, dass das Al-Shifa-Krankenhaus als wichtige Kontrollzentrale der Hamas für den Transfer und die Verteilung entführter Israelis diente.
Von besonderer Bedeutung für diese Untersuchung sind insbesondere zwei Videos, die es nur kurz auf einem palästinensischen Telegram-Kanal zu sehen gab. Sie zeigen, wie entführte israelische Fahrzeuge auf das Al-Shifa-Krankenhausgelände gefahren werden.
Dies ist das erste Mal, dass dieses Material in dieser Form öffentlich präsentiert und angemessen analysiert wird.
Bislang deuteten offizielle Beweise darauf hin, dass am 7. Oktober nur zwei oder drei Geiseln das Al-Shifa-Krankenhaus passiert hatten. Die folgenden Beweise, darunter eine Einzelbildanalyse bisher unveröffentlichter Aufnahmen, zeigen, dass diese Zahl deutlich zu niedrig angesetzt ist und die tatsächliche Zahl weitaus höher lag.
Einer der aufschlussreichsten Aspekte dessen, was in al-Shifa geschah, ist nicht nur das, was geschah, sondern auch das, was nicht geschah. Obwohl prominente Journalisten aus Gaza anwesend waren, berichtete niemand über die Ankunft der Geiseln. Einer stellte sogar einen Jeep voller gefangener israelischer Frauen fälschlicherweise als „verletzte Palästinenser“ dar, die zur Behandlung gebracht worden seien.
Warnung: Dieser Artikel enthält verstörende Aufnahmen von Geiseln, die am 7. Oktober aufgenommen wurden.
Die Geiseln von Nahal Oz
Am Morgen des 7. Oktober ereignete sich in der Nahal-Oz-Militärbasis in der Nähe von Gaza einer der schwersten Fehlschläge in der Geschichte der IDF. Die Basis wurde schnell von einer großen Anzahl von Terroristen überrannt, und mehr als 20 Soldaten wurden dort getötet – darunter 16 weibliche Wachpersonal.
Zehn lebende Geiseln wurden aus der Basis entführt – sieben weibliche „Beobachterinnen“ und drei Mitglieder einer Panzerbesatzung.
Im Mai 2024 wurde mit Zustimmung der Familien ein längeres Video zu den weiblichen Geiseln vor ihrer Entführung aus der Nahal Oz Base veröffentlicht. Diese Aufnahmen waren schon kurz nach dem 07.10 in Bruchteilen durch die Hamas auf Telegram veröffentlicht worden. Eine Einzelbildanalyse des ganzen Videos zeigt nun, dass sechs Geiseln in einen einzigen gestohlenen IDF-Jeep gezwungen wurden: vier weibliche „Beobachterinnen”, die zu diesem Zeitpunkt alle sichtbar am Leben waren und zum Jeep geführt werden; eine fünfte Geisel, wahrscheinlich auch eine „Beobachterin“, die verletzt auf dem Boden des Fahrzeugs lag (vermutlich Noa Marciano*); und eine sechste, ein Soldat, der offenbar schwer verletzt oder bereits tot war:






Die Entführung von Naama Levy und Ori Megidish*
Nicht alle Geiseln aus Nahal Oz wurden im selben Fahrzeug transportiert. Einige wurden an der Basis getrennt und in verschiedene Autos gesetzt, bevor sie nach Gaza gefahren wurden.



Bevor die sechs Geiseln in dem grünen Militärjeep nach Gaza gebracht wurden, war schon ein anderer Transport nach Gaza unterwegs: Hier sehen wir Naama Levy und Ori Megidish*, umgeben von Terroristen, wie sie aus der Nahal Oz Base weggefahren werden.


Die Route in Gaza
Bei der Durchsuchung von Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Telegram-Kanälen fanden sich weitere Hinweise, so dass ein Teil der Fahrt dieses Fahrzeugs verfolgt werden konnte. Die entscheidenden Beweisdetails, die in dem gesamten hier verwendeten Filmmaterial festgehalten wurden, sind das Kennzeichen 703-145 des Fahrzeugs, die 3 Einschüsse in der Frontscheibe, der defekte kleine Scheinwerfer an der Front vorn rechts und die mitfahrenden Terroristen.

Dieses Filmmaterial wurde kurz nach der Einfahrt des gestohlenen Fahrzeugs in Gaza-Stadt aufgenommen. Es befand nur auf einem einzigen Telegram-Kanal aus Nablus. In dem Clip fährt der Jeep mit den Geiseln aus Nahal Oz durch eine enge Straße in Gaza. Die Zivilisten jubeln, als der gestohlene Jeep und weitere Fahrzeuge vorbeifahren:
Die sichtbaren Orientierungspunkte ermöglichten eine genaue Lokalisierung des Filmmaterials (die GeoLokalierung ist „TwistyCB” auf X zu verdanken):

Die Straße, die wir im Clip sehen können, ist die Riyadh Street, die sich im Stadtteil Shuja’iyya-Viertel. Der Jeep fährt in westlicher Richtung nach Rimal und zur Küste.
Weiter nach Al-Shifa
Andere Bilder des Jeeps ermöglichen es uns, die Fahrt weiter zu verfolgen. Anhand dieses Ortes (die GeoLokalierung ist „TwistyCB” auf X zu verdanken) wissen wir, dass dieses Bild kurz nach den Aufnahmen der Straßenszene aufgenommen wurde. Hier befindet sich der Jeep an der Kreuzung Baghdad Street – Salah al-Din Road und fährt weiter in Richtung Westen – zum Stadtteil Rimal in Gaza und zur Küste:

Ein weiteres nützliches Bild aus demselben Beitrag auf Telegram zeigt das Fahrzeug kurz vor der Abbiegung – in der Windschutzscheibe sind drei deutliche Einschusslöcher zu sehen –, ein verräterisches Merkmal, anhand dessen das Fahrzeug später mit Sicherheit wieder identifiziert werden kann.
Das Bild unten stammt aus dem weit verbreiteten Filmmaterial zu Naama Levy (und zu Ori Megidish*), die aus dem Fond eines Fahrzeugs auf die Rücksitze gezehrt wurde, als der Jeep in Gaza-Stadt angehalten hatte. Bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen dunkel lackierten Jeep Wrangler:
Dieses Filmmaterial wurde ebenfalls geolokalisiert (die GeoLokalisierung ist @BenDoBrown auf ‚X‘ verdanken), wodurch festgestellt wurde, dass dieses Fahrzeug auf derselben Route entlang der Baghdad Street fuhr wie der erbeutete IDF-Jeep, der die anderen sechs Geiseln transportierte.
Bedeutsam ist dabei nicht nur die Identität des Fahrzeugs, sondern auch die Übereinstimmung der Routen. Beide Fahrzeuge bewegen sich westlich durch Gaza-Stadt in Richtung des Stadtteils Rimal – in die gleiche Richtung wie al-Shifa.
Anhand der Geolokalisierung des Bildes des gestohlenen IDF-Fahrzeugs, das in die Baghdad Street einbiegt, und der Position des Jeep Wrangler, in dem Naama Levy gefangen gehalten wird, können wir definitiv feststellen, dass diese Orte nur 160 Meter voneinander entfernt sind.

1 Aufnahmeort des Videos in der Riyadh Street, 2 Standort des Jeeps an der Kreuzung zur Baghdad Street. 3 Standort der Aufnahmen des Jeeps mit Naama Levy.
Dies belegt, dass mindestens zwei separate Fahrzeuge mit Geiseln, die aus derselben Basis entführt worden waren, auf parallelen Routen zum selben Ziel unterwegs waren – und zwar im selben Zeitfenster.
Basierend auf der rekonstruierten Route, die der Nahal-Oz-Konvoi auf seinem Weg zur Hamas-Hochburg Rimal genommen hat, passierten die Fahrzeuge unterwegs ein weiteres voll funktionsfähiges Krankenhaus – was jede glaubwürdige Behauptung widerlegt, dass es bei dieser Fahrt um die Bereitstellung dringender medizinischer Versorgung ging. Das Al-Ahli Arab Hospital funktionierte am 7. Oktober normal. Es liegt deutlich näher an Nahal Oz und grenzt an die Route durch Gaza-Stadt.
Als diese Fahrzeuge weiterfuhren, war das Al-Ahli-Krankenhaus nur noch ein oder zwei Minuten entfernt:
Die Terroristen hielten jedoch nicht dort an. Stattdessen fuhren sie am Al-Ahli vorbei und setzten ihre Fahrt nach Westen in Richtung al-Shifa fort, dass im Herzen des Stadtteils Rimal, wo die Hamas Hochburg angesiedelt war, liegt.
Das Ziel: die Hamas Zentrale im Al-Shifa
Während ein Großteil des Filmmaterials vom 7. Oktober weit verbreitet wurde, blieb ein Teil des kritischen Materials unzugänglich. Das folgende Video ist einer von zwei Clips, die der erfahrene deutsche Journalist Wolfgang Tietze identifiziert hat, der von 1990 bis 2003 für Spiegel TV / Der Spiegel tätig war.
Beide Videos wurden später entfernt, und der Account, der sie hochgeladen hatte, wurde gelöscht. Sie waren mit deaktivierter Download-Funktion gepostet worden. Wolfgang Tietze erkannte ihre Bedeutung und nahm das Filmmaterial direkt von seinem Bildschirm auf (Ich habe dazu auch eine Erklärung abgegeben, die zusammen mit dieser Untersuchung veröffentlicht wird). Diese beiden Videos stellen den Kern dieser Recherche – zusammen mit seinen detaillierten Erkenntnissen und zusätzlichem Kontextmaterial. Ein Teil dieses Materials ist noch immer auf palästinensischen Telegram-Kanälen zu finden.
Dies das erste Mal, dass dieses Filmmaterial in dieser Form öffentlich präsentiert und angemessen analysiert wird.
Das Video wurde am Morgen des 7. Oktober vor den Toren des al-Shifa-Krankenhauses aufgenommen.
Als der israelische Militärjeep auf das Krankenhausgelände fährt, ist für einen kurzen Moment das Kennzeichen 703-145 zu sehen. Dies bestätigt nochmals, dass derselbe Jeep, der Nahal Oz mit israelischen Geiseln verlassen hatte, in Al-Shifa anwesend war.
Die Ankunft wird von jubelnden Menschenmengen begrüßt. Bewaffnete Terroristen steigen aus dem Fahrzeug und umringen es, um die Geiseln zu bewachen. Weitere Fahrzeuge treffen ein. Die Aufnahmen zeigen einen erschreckenden Kontrast. Draußen jubelt die begeisterte Menschenmenge, während bewaffnete Terroristen hervorkommen, um ihre Beute zu schützen; im Inneren des Fahrzeugs leiden die israelischen Geiseln unter Terror, Gewalt und völliger Hilflosigkeit:






Zu erkennen sind junge und ältere Zivilisten, Krankenhaus-Hilfspersonal, Zuschauer aus dem Krankenhaus, Terroristen in Zivil die aus der Menge treten, bewaffnete Terroristen, die herbeieilen. Sie alle wissen, was an diesem Vormittag im Shifa-Krankenhaus geschieht. Sie wissen welche Bedeutung dieses Krankenhaus für die Hamas hat.
Das folgende Video, welches 4 weibliche Geiseln zeigt, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Gelände des Al-Shifa-Krankenhaues aufgenommen und zeigt dieses Fahrzeug, umringt von einer lärmenden Menschenmenge. Es wurde am 7. Oktober auf zahlreichen palästinensischen Telegram-Kanälen hochgeladen:
Screenshots aus diesem Video zeigen einige Merkmale des Krankenhausgeländes. Etwas deutlicher zu erkennen ist der Krankenwagen der parallel zum Jeep steht (siehe Foto** unten). Die entführten Frauen sind in dem Jeep mit dem Kennzeichen zu 703-145 bei 0:05 min zu sehen.



Dank späterer Enthüllungen der IDF können wir diesem Moment nun einen genauen Zeitstempel zuordnen.
Das CCTV-Filmmaterial der IDF
Am 19. November 2023 hielt der Sprecher der IDF, Konteradmiral Daniel Hagari, eine Pressekonferenz ab, in der er Standbilder aus CCTV-Aufnahmen veröffentlichte, die seiner Beschreibung nach „gestohlene IDF-Fahrzeuge” beim Einfahren in al-Shifa zeigen. Die IDF hatte diese Aufnahmen kurz vorher auf einem Notebook entdeckt, als sie das Shifa-Krankenhaus durchsuchte. Zu sehen sind die gleichen Fahrzeuge wie in dem einmaligen palästinensischen Video vom 07.10.

Aufgrund dieser Übereinstimmung kann die Ankunft des Militärjeeps aus der Nahal Oz Base in Al-Shifa auf 10:53 Uhr am 7. Oktober morgens datiert werden – eine halbe Stunde, nachdem die Fahrzeuge die Nahal-Oz-Basis verlassen hatten.
Angesichts der Aufmerksamkeit und der Feierlichkeiten, die vor Ort zu beobachten sind, und angesichts der bewaffneten Terroristen, die das Fahrzeug offensichtlich bewachen, ist es offensichtlich, dass sich zu diesem Zeitpunkt Geiseln im Fahrzeug befanden.
Ein weiteres Fahrzeug mit Geiseln im Al-Shifa: der Jeep Wrangler
Ein weiteres Fahrzeug von Interesse trifft vorher in Al-Shifa ein: ein schwarzer Jeep Wrangler, der mit dem Fahrzeug übereinstimmt, in dem Naama Levy und Ori Megidish* nach ihrer Entführung aus Nahal Oz transportiert wurden.
Um 11:30 Uhr kursierten bereits Aufnahmen dieses Fahrzeugs auf Telegram. Der gezeigte Ort ist eindeutig das Gelände des al-Shifa Krankenhaus:
Wie die Bilder unten zeigen, handelt es sich bei beiden Fahrzeugen um dunkle Jeep Wrangler, die für den Geländeeinsatz konfiguriert sind und jeweils mit einem erhöhten Schnorchel-Lufteinlass und einer vor der Tür montierten Peitschenantenne ausgestattet sind – eine unverwechselbare Kombination, die die Wahrscheinlichkeit eines Zufalls erheblich verringert.

Da wir wissen, dass der erbeutete IDF-Jeep mit Geiseln aus Nahal Oz nach al-Shifa gefahren wurde, ist das Auftauchen eines weiteren Fahrzeugs mit Geiseln im Krankenhaus im gleichen Zeitfenster nicht überraschend.
Darüber hinaus ist wie auch in den anderen Videos das Verhalten der Umstehenden aufschlussreich. Ihre konzentrierte Aufmerksamkeit auf das Fahrzeug und ihre offensichtlichen Versuche, die Insassen zu identifizieren, stehen im Einklang mit der Ankunft eines weiteren Fahrzeugs mit Geiseln – sehr wahrscheinlich das Fahrzeug, in dem Naama Levy u. Ori Megidish* transportiert wurde.
Das Kommando- und Verteilungszentrum der Hamas
Ein zweites Stück gelöschtes Filmmaterial, das von derselben Person auf der Zufahrtsstraße zum Al-Shifa-Krankenhaus aufgenommen wurde, untermauert das Bild von Al-Shifa als wichtigem Operationszentrum der Hamas am Morgen des 7. Oktober.
In diesem zweiten Clip sind ein weiteres gestohlenes IDF-Fahrzeug und weitere zivile PKW ‘s zu sehen, die auf das Krankenhausgelände fahren.



Bisher unentdeckte Fotos von einem bekannten palästinensischen Fotografen belegen, dass diese Fahrzeuge tatsächlich auf das Al-Shifa-Gelände fuhren.

Es gibt sichtbare Beweise dafür, dass sich Geiseln in diesen Fahrzeugen befanden. Eine ‚Frame per Frame‘ Analyse legt diesen Schluss nahe. Es sind mehrere Geiseln kurz auf dem Al-Shifa Gelände zu erkennen.




Die Ankunft des Militärjeeps – zusammen mit anderen gestohlenen Militärfahrzeugen, die innerhalb eines engen Zeitfensters am selben Ort zusammenkamen – ist jedoch an sich schon bedeutsam. Bedeutsam ist aber wiederum vor allem das Verhalten der vielen Palästinenser.
Das Ausmaß der einfahrenden Fahrzeuge ist nicht mehr zu übersehen. Die Beweise zeigen, dass mehrere gestohlene IDF-Fahrzeuge und andere Fahrzeuge innerhalb weniger Minuten nacheinander in Al-Shifa ankamen, wo sie von einer großen, jubelnden Menschenmenge empfangen wurden.
Die IDF veröffentlichte später zusätzliches CCTV-Material, das einen weiteren gestohlenen IDF-Jeep zeigt, der schon um 10:42 Uhr in Al-Shifa eintrifft – nur elf Minuten bevor das Fahrzeug, das nachweislich Geiseln transportierte, um 10:53 Uhr eintraf.

Die Beweise zeigen auch, dass zu diesem Zeitpunkt Dutzende bewaffnete Kämpfer im Krankenhaus anwesend waren. Zusammengenommen stellen diese Abläufe al-Shifa in den Mittelpunkt der Ereignisse – als Kommando-, Treffpunkt und Verteilungsstelle innerhalb des operativen Netzwerks der Hamas an diesem Morgen.


Zusätzlich zu den bereits dokumentierten Fahrzeugen und Geiseln bestätigen mehrere weitere Beispiele, dass al-Shifa eine zentrale Rolle bei der Gefangennahme und dem Transport der Geiseln spielte.
Wir wissen, dass Noa Marciano in unmittelbarer Nähe von al-Shifa festgehalten wurde, bevor sie später dorthin zurückgebracht wurde, wo sie von einem „Gesundheitsfachmann” brutal ermordet wurde.
Wir wissen auch, dass Ori Megidish aus einem Ort in der Nähe gerettet wurde.
Über diese Beispiele hinaus zeigen Aufnahmen eine weitere israelischen Geisel – wahrscheinlich bereits verstorben –, Es ist wahrscheinlich Ran Gvili* (so @NoaMagid auf ‚X‘), der von einem Terroristen mit einem Motorrad aus dem Kibbuz Alumim nach Gaza transportiert wird und dann gegen Mittag auf das al-Shifa Gelände fährt, wo seine Ankunft von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt wird.

Zusammengenommen bestätigen diese Bilder und Ergebnisse das Muster, das sich bereits aus den Aufnahmen der beiden bedeutenden Videos ergibt. Sie zeigen al-Shifa nicht nur als Transitpunkt, sondern als einen Ort an dem sich wiederholt Geiselnahmen, Inhaftierungen und deren Folgen überschneiden.
Selbst wenn man die aus anderen Orten entführten Geiseln – wie Yehudit Weiss aus dem Kibbuz Beeri, deren Leiche später in der Nähe von al-Shifa gefunden wurde – außer Acht lässt, ist das Muster, das sich allein aus Nahal Oz ergibt, auffällig. Das Ziel ist immer das Al-Shifa.
Und es stellt sich noch eine Frage: Wie viele Geiseln wurden an diesem 07.10. durch die Hamas und die anderen Terroristen tatsächlich ins Al-Shifa gebracht, 20, 40, 60? Diese beiden sehr wichtigen Videos bilden lediglich 80-90 Sekunden des Geschehens ab. Zusammen mit den anderen Videos und den Bildern der bis jetzt 5 bekannten Fotografen ergeben sich noch andere Details. Sie lassen erahnen, was sich tatsächlich auf dem Al-Shifa Gelände abspielte.
Hit and Run
Die Hamas veröffentlichte kurz nach dem 07.10. Bilder von 4 jungen Frauen aus Nahal Oz. Sie sollten mehrere Dinge zeigen. Seht her wir haben die Geiseln, sie sind sicher und werden versorgt.

Auf dem vorangegangenen Material ist tatsächlich nicht genau ersichtlich, was mit den Geiseln auf dem Gelände des Al-Shifa geschah.
Eine mögliche Erklärung ist, dass die Geiseln schnell weitergebracht wurden – möglicherweise in das Tunnelnetz unter oder in der Nähe des Krankenhauses – und an anderen Orten verteilt wurden.
Ein neu entdecktes Foto macht eine weitere Erklärung wahrscheinlicher. Neben dem Jeep mit den jungen Frauen, parkt kurzzeitig ein Krankenwagen. Er ist oben in dem verschwommenen Video** kurz in einigen Frames zu sehen. Wurden diese Frauen in diesen Krankenwagen umgeladen? Kurze Zeit später ist der Krankenwagen nicht mehr zu sehen. Hat er diese in die Wohnung ihrer Aufpasser gebracht?

Diese Interpretation wird durch Aufnahmen gestützt, die weniger als eine halbe Stunde nach der Ankunft des Konvois hochgeladen wurden und zeigen, wie der gestohlene IDF-Jeep al-Shifa verlässt. Zu diesem Zeitpunkt ist nicht mehr klar, ob alle Geiseln aus dem Fahrzeug entfernt wurden.
Wenn sich die Geiseln noch im Fahrzeug befanden, als es davonraste, gibt es keinen plausiblen Grund, sie nach al-Shifa zu fahren, es sei denn, das Krankenhaus war Teil der Kommandostruktur der Hamas. Wenn sie nicht im Fahrzeug waren, wer hat sie dann auf dem Krankenhausgelände in Gewahrsam genommen, wenn nicht eine bereits dort anwesende operative Einheit der Hamas? Eines ist jedoch sicher, dass Al-Shifa war an diesem 07.10. ein zentrales Organisationszentrum der Hamas. Ein ebenfalls neu aufgetauchtes Foto legt zudem nahe, dass der Jeep die gleiche Strecke leer zurückfuhr.

Die Journalisten, die Ärzte und die bewusste Täuschung
Mehr als zwei Jahre lang haben viele internationale Medien, vor allem auch deutsche Medien, die Rolle von al-Shifa bei den Operationen der Hamas heruntergespielt und die Behauptungen Israels bestritten, dass das Krankenhaus mehr als eine zivile medizinische Einrichtung sei. In der Berichterstattung wurde al-Shifa durchweg als von den Aktivitäten der Hamas isoliert und von der politischen und sicherheitspolitischen Infrastruktur der Organisation getrennt dargestellt.
Die Ereignisse am Morgen des 7. Oktober erzählen eine andere Geschichte.
Als sich diese Ereignisse zutrugen, waren mindestens 7 Journalisten im Al-Shifa-Krankenhaus anwesend. Die Kameras liefen. Den ganzen Vormittag über wurde live aus dem Krankenhauskomplex berichtet.

Doch trotz der Ankunft gestohlener Militärfahrzeuge, bewaffneter Terroristen, ziviler Fahrzeuge mit Geiseln und großer Menschenmengen, die ihre Ankunft feierten, berichtete kein einziger Journalist über die Ankunft israelischer Geiseln im Krankenhaus.
Der ARD-Mitarbeiter aus Gaza, Mohammad Abu Saif, postete auf seinem Instagram Account Fotos seiner Freunde in Gaza. (Dazu mehr in der Fortsetzung zu diesem Artikel*). Zu seinen Freunden gehört u.a. einer dieser Fotografen, die am 07.10. die Geiselverbringung fotografierten und filmten.

Berichtet darüber hat weder dieser ARD-Mitarbeiter aus Gaza noch das ARD Studio in Tel Aviv.
Ein weiteres Beispiel ist ebenso besonders eklatant. Eine Reihe von Fotos, die auf dem Rudaw-Kanal und der Rudaw-Webpage veröffentlicht wurden und vom Journalisten Mohammed Salem aufgenommen wurden, tragen die Bildunterschrift: „Kontinuierlicher Transport von verwundeten Palästinensern zum Shifa Medical Complex“.
Ein Beispiel ist besonders eklatant. Eine Reihe von Fotos, die auf dem Rudaw-Kanal veröffentlicht wurden und vom Journalisten Mohammed Salem aufgenommen wurden, tragen die Bildunterschrift: „Kontinuierlicher Transport von verwundeten Palästinensern zum Shifa Medical Complex“.

Die drei deutlichen Einschusslöcher an der Fahrertür lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um denselben Jeep handelt, der die Geiseln aus Nahal Oz transportiert hat. Die anwesenden Journalisten konnten die Menschenmengen und die Feierlichkeiten sehen. Sie konnten die bewaffneten Terroristen sehen, die das Fahrzeug umzingelten, und wussten genau, was vor sich ging.
Der Beitrag wurde um 11:31 Uhr auf der Facebook-Seite und auf der Webpage von Rudaw.net, einem privatrechtlichen kurdischen Fernsehsender, veröffentlicht, was bestätigt, dass die Berichterstattung in Echtzeit vom Krankenhausgelände aus erfolgte, während die Geiseln anwesend waren.
Dies war kein Fehler, der nachträglich gemacht wurde. Es handelte sich um eine absichtliche Falschdarstellung.

Auch Krankenhausmitarbeiter standen den Medien für Gespräche zur Verfügung. Ärzte und Verwaltungsangestellte gaben Kommentare zu den Ereignissen im Al-Shifa-Krankenhaus ab und gaben Zusicherungen und Darstellungen ab, die dann von westlichen Medien unkritisch weitergegeben wurden.

Dies waren die Quellen, auf die sich ein Großteil der internationalen Presse in den ersten Stunden des Krieges stützte. Dabei verbreiteten sie jedoch bereits falsche oder irreführende Berichte über die Ereignisse innerhalb und außerhalb des Krankenhauses.
Ob aus ideologischer Übereinstimmung, Angst oder Zwang – was folgte, war kein Journalismus, sondern vorsätzliche Auslassung und Verzerrung. Die Ankunft israelischer Geiseln im Herzen der Hamas-Hochburg im Al-Shifa-Krankenhaus war eines der bedeutendsten Ereignisse am Morgen des 7. Oktober – und es wurde nicht darüber berichtet.
Bis jetzt.
Anmerkung
Dies ist meine deutsche Version des Artikels:
Exklusiv: 7. Oktober – Der Konvoi mit den Geiseln aus dem Al-Shifa-Krankenhaus
Ich habe aus bestimmten Gründen einiges umformuliert und ergänzt. Ich hätte gern, wie es journalistisch geboten wäre, die Betroffenen mit meiner Recherche konfrontiert. Aus finanziellen und logistischen Gründen war mir dies verwehrt. Stellen in dem Artikel, wo ich mir unsicher bin, habe ich mit * gekennzeichnet. Unsicher heißt hier, ich konnte dies nicht zu 100% verifizieren. Trotzdem denke ich, dass diese Ergänzungen nicht vorenthalten werden sollten.
Ich werde demnächst, eine Fortsetzung mit dem Titel „Die Medien und das Al-Shifa – wie die Hamas Propaganda wirkte“ veröffentlichen.
Die Fortsetzung wird sich eingehend mit dem Versagen vor allem der deutschen Medien befassen.
Wolfgang Tietze


