Ein Wort in eigener Sache
Die Rekonstruktion dieser Ereignisse war viel – sehr viel – Arbeit. Wochenlange, forensische Archivsichtungen, der kontinuierliche Abgleich von Timelines und das Aufdecken digitaler Netzwerke im Hintergrund.
Diese Arbeit ist zutiefst kostenintensiv und verschlingt Ressourcen, die im Normalfall von den Recherche-Redaktionen großer Medienhäuser getragen werden müssten. Doch wo die etablierte Presse wegschaut oder unkritisch fertige Narrative übernimmt, bleibt die Aufklärung an freier, unabhängiger Forensik hängen.
Wenn euch meine Veröffentlichungen und die ungeschönte Aufarbeitung in diesen Dossiers gefallen, bin ich auf eure finanzielle Hilfe angewiesen, um auch die kommenden Recherchen (Dossier Nr. 4 bis 6) in dieser Präzision fortführen zu können. Jeder Beitrag sichert die Existenz dieser Aufklärung. Ich danke euch von Herzen für eure Unterstützung.
Bisherige Veröffentlichungen dieser Reihe:
Spurensuche
Dieses Dossier unterscheidet sich etwas von den vorangegangenen. Wie ihr, liebe Leser, sicherlich bemerkt habt, ist der Titel „Mohammed Jadallah Salem – Zeuge eines Kriegsverbrechens?“ mit einem bewussten Fragezeichen versehen. Ich möchte euch deshalb auf eine Reise mitnehmen. Diese Reise beschreibt den tatsächlichen Fortgang dieser, meiner eigenen Recherche.
Ausgangspunkt ist die Meldung des Senders Rudaw auf „X“ vom 07.10.2023 (siehe David Collier, „Exclusiv October7: the al-Shifa Hospital Hostage Convoy“, 17.12.2025). An dieser Stelle ist eine sachliche Differenzierung notwendig: Der dortige Artikel basiert fast ausschließlich auf meinen OSINT-Recherchen und meinen offiziellen Meldungen an den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) – auch wenn David Collier leider vergessen hatte, meinen Namen als Autor zu erwähnen. Wichtiger als Prioritätenfragen ist mir jedoch die präzise Einordnung des Materials: Ich habe mich bezüglich Colliers Interpretation eines geschlossenen „Konvois“ bewusst zurückgehalten, da sich eine feste Kolonne anhand der Daten nicht belegen ließ. Das Bildmaterial zeigt ein komplexeres Muster: Verschiedene Fahrzeuge bewegten sich mit Geiseln über unterschiedliche Straßen und Routen durch das Stadtgebiet. Sie bildeten keinen geschlossenen Verband, und die genauen Bewegungen lassen sich zeitlich nicht auf die Minute genau synchronisieren. Was sie jedoch unwiderlegbar gemeinsam hatten, war ihr logistisches Ziel: das Al-Shifa-Krankenhaus.
Da bei mir alles im Fluss ist, fand ich während der fortlaufenden gemeinsamen Arbeit noch zusätzliche Belege. Über diese Funde habe ich den eigenständigen Grundlagenartikel „07. Oktober: Die Fotografen, Die Medien und die Lügen über das Al-Shifa-Krankenhaus“ verfasst, der als Basis für die sechs Dossiers dient. Dieser Artikel ist noch nicht online. Er folgt nach dem Dossier Nr. 6. Abschließend werde ich noch die aktualisierte Meldung mit diesen 6 neuen Zeugen an den ICC veröffentlichen,
In unserem Artikel vom 17.12.2025 ist das folgende Video enthalten:
Der Rudaw-Reporter Mohammed Salim beschreibt die Situation am Nachmittag gegen 14:31 im Al-Shifa-Krankenhaus wie folgt: „In Palestine, there are extensive efforts to transport the injured to the Al-Shifa Medical Complex via ambulances “. (https://www.facebook.com/watch/?v=221829530667029)
Hinweis: Der TV-Reporter vor Ort wird als Mohammed Salim geführt. Der beteiligte Fotograf wird bei Rudaw lediglich als „Muhammad Salem“ genannt – das „Jadallah“ wurde hier weggelassen, was die direkte Verbindung zum weltbekannten Reuters-Starfotografen Mohammed Jadallah Salem auf den ersten Blick geschickt verschleiert.
In dem dazugehörigen Artikel auf der Webpage von Rudaw wird die Szenerie in einer Galerie mit vier Fotos bebildert. Die offizielle Bildunterschrift zu diesen Aufnahmen lautet: „Kontinuierliche Überführung verletzter Palästinenser in den Al-Shifa Medizinischen Komplex“. Als Fotograf wird lediglich Mu(o)hammad Salem genannt – eine Agentur ist nicht erwähnt.
Rudaw Bild 1
Rudaw Bild 2
Rudaw Bild 3
Rudaw Bild 4

Schon die bloße Anordnung der Fotos in dieser Galerie täuscht etwas vor. Sie verschleiert aktiv, was sich bis zum Mittag (ca. 13:00 Uhr) auf dem Gelände tatsächlich ereignete: Die koordinierte Verbringung der israelischen Geiseln in das Al-Shifa-Krankenhaus.
Doch was bedeuten diese vier veröffentlichten Fotos auf der Rudaw-Webseite? Was sollen sie ausdrücken?
Die Rudaw-Kommentierung – Zitat: „Kontinuierliche Überführung verletzter Palästinenser in den Al-Shifa Medizinischen Komplex“ – weist hier eindeutig den Weg. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Zeitstempel, der auf Facebook ersichtlich ist: Es ist nachmittags um 14:31 Uhr.
Hier werden zwei vollkommen unterschiedliche Szenerien miteinander vermischt:
- Am Morgen: Die völkerrechtswidrige Verbringung und logistische Weiterleitung der israelischen Geiseln.
- Am Nachmittag: Der öffentlich inszenierte Transport verletzter oder getöteter Terroristen des sogenannten „palästinensischen Widerstands“.
Dieser Nachmittag markiert den strategischen Beginn des Hamas-Propagandakrieges aus dem Inneren des Al-Shifa-Krankenhauses. Die triumphalen Jubelszenen der Mittagsstunden werden gezielt abgelöst. Während Israel und der Welt signalisiert werden soll: „Seht her, wir haben die Geiseln und sie werden versorgt“, rückt zeitgleich ein ganz anderes Narrativ in den Vordergrund: Das Märtyrertum. Der Todeskult der islamistischen Ideologie wird medienwirksam zur Schau gestellt. Die gezielte Verbreitung von Bildern Verletzter und Toter soll den Fokus der Weltöffentlichkeit emotional umkehren und fest auf den Gazastreifen lenken.
Binnen kürzester Zeit füllt sich das Gelände des Al-Shifa-Hospitals mit Dutzenden Satellitenübertragungswagen. Journalisten berichten fortan im Pulk und im Stundentakt live aus dem Komplex. Die brutale Szenerie des Morgens wird dadurch systematisch verdrängt und dem Vergessen preisgegeben. Videos und Fotos, die die Geiselverbringung eindrucksvoll und beklemmend dokumentierten, werden nach und nach gezielt aus den palästinensischen Kanälen gelöscht.
Wie tief diese vermeintlich unabhängigen Akteure in die offiziellen Propagandastrukturen eingebunden sind, dokumentieren Aufnahmen aus dem Telegram-Kanal von Hassan Eslaiah (Aslih). Sie zeigen die Verantwortlichen der Hamas-Administration nicht als ferne Beobachter, sondern als direkte Regisseure hinter und neben den aktiven „Journalisten“ vor Ort.
Offizielles Medien-Statement des von der Hamas geführten Ministeriums unter Beteiligung lokaler Netzwerke.
Koordinationsgespräche in den offiziellen Amtsräumen in Gaza.
Besonders brisant sind die Querverbindungen zur Institution „Press House-Palestine“. Während diese Organisation nach außen hin als unabhängige Plattform zur Wahrung der Pressefreiheit auftritt, zeigen die internen Bilder eine andere Realität: Sie diente als logistisches Drehkreuz, bei dem offizielle Auszeichnungen und Schutzwesten direkt an Akteure vergeben wurden, die zeitgleich den Propagandakrieg der Hamas flankierten.
Offizielle Urkundenübergabe und Auszeichnung innerhalb der Press-House-Strukturen.
Das geschlossene Presseaufgebot bei offiziellen Verlautbarungen der Führungsebene.
Das von Eslaiah verbreitete PR-Video von „Press House“ dokumentiert die systematische Ausstattung dieser Akteure mit der blauen Standard-Schutzbekleidung („PRESS“). Dieselbe Ausrüstung, die am Morgen des 7. Oktobers dazu genutzt wurde, sich inmitten der Angreifer als neutrale Beobachter zu bewegen:
Infrastruktur der Inszenierung: Press House-Palestine
Quelle: PR-Material / Telegram Hassan Eslaiah (Mai 2023)
Da ich für dieses Dossier auf der Suche nach den Metadaten war und diese weder im freien Internet, bei Rudaw noch bei Reuters fand, schrieb ich offizielle E-Mails an die Redaktionen von Rudaw und Reuters. Mir ist wichtig, die nackten, genauen Daten zu den Fotos zu haben. Geantwortet haben die Angeschriebenen bis zur Veröffentlichung dieses Dossiers nicht.
In den Tiefen des Internets fand ich schließlich zwei weitere Veröffentlichungen mit zwei brisanten Fotos.


Beide Fotos sind lediglich mit dem Namen der Agentur „Reuters“ beschriftet. Der konkrete Fotograf fehlt. Da Mohammed Jadallah Salem der Star-Fotograf von Reuters ist und exklusiv aus Gaza berichtet, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass auch diese beiden Fotos aus seiner Kamera stammen.
Die beiden Fotos entstammen Zeitungsartikeln. Sie zeigen den gestohlenen israelischen Militärjeep 703-145. Sie zeigen den gestohlenen israelische Militärjeep 703-145 mit den 6 Geiseln aus der Nahal Base. Wahrscheinlich werden die gerade ‚entladen‘. Der Krankenwagen rechts diente wohl zum Weitertransport.
Auch zu diesen beiden Fotos schrieb ich jeweils eine E-Mail an die Verantwortlichen. Hier sind die alle gesendeten Anfragen:



Bitte jeweils anklicken
Was jedoch alle diese Videos und Bilder jenseits von Routen und Zeitstempeln zutiefst gemeinsam haben, ist ein erschütterndes Dokument: der unbegreifliche, kollektive Jubel in den Straßen Gazas sowie direkt vor und im Al-Shifa-Krankenhaus. Es war meine feste Absicht, in diesem Dossier genau diesen Aspekt und das Schicksal der Geiseln unmissverständlich in den Vordergrund zu stellen. Die Dokumentation der Entführten inmitten einer euphorisierten Masse ist mir wichtig, damit auch die darauffolgende Beschreibung von Salem und seinen Freunden einen klaren Sinn ergibt. Es zeigt das wahre Gesicht Gazas an diesem 7. Oktober – und höchstwahrscheinlich nicht nur an diesem Tag.
Alle vier Fotos, die die Geiselverbringung in das Al-Shifa-Krankenhaus zeigen, wurden im Westen augenscheinlich bewusst verborgen. Sollte so der Star-Fotograf der Agentur Reuters vor unangenehmen Fragen geschützt werden?
Auf der offiziellen Instagram-Seite von Mohammed Jadallah Salem ist das Datum des 7. Oktobers ein steriler, digitaler weißer Fleck. Es gibt keine Arbeit, keine Nachricht, kein Bild von ihm an diesem Tag. Was sich auf seinem Profil dagegen sehr wohl lesen lässt, sind die zahlreichen Adressen seiner palästinensischen Kollegen, denen er aktiv folgt.
Es sind die privaten Accounts von Fotografen und Journalisten, die am 7. Oktober die Massaker in Israel zusammen mit den Terroristen begleiteten. Er folgt Akteuren wie Hassan Eslaiah, Muthana Al Najjar, Mohammed Abu Mostafa Fayq und Ismail Farid Muhammad Abu Omar, die auf Telegram live aus dem brennenden Kibbuz Nir Oz berichteten.
Ismail Farid Muhammad Abu Omar berichtet live aus Nir Oz
Quelle: Original-Feed / Telegram (Morgen des 7. Oktober)
Das Hamnas Mitglied Hassan Eslaih berichtet live aus dem Kibbuz Nir Oz
Quelle: ARD Mediathek / Monitor-Beitrag
Es sind die privaten Accounts von Fotografen und „Journalisten“, die am 7. Oktober die Massaker in Israel Seite an Seite mit den Terroristen begleiteten. Die digitale Spur von Mohammed Jadallah Salem dokumentiert diese Nähe lückenlos. Sein Netzwerk folgt gezielt jenen Akteuren, die am Morgen des Terrors live aus den brennenden Kibbuzim berichteten.
- Hassan Eslaiah, Muthana Al Najjar, Mohammed Abu Mostafa Fayq und Ismail Farid Muhammad Abu Omar – sie streamten die Gräueltaten live aus dem brennenden Kibbuz Nir Oz auf Telegram.
- Ashraf Amra, Mohannad Al Khateeb (Al Khatib) und Hani Al Shaer – sie dokumentierten das Durchbrechen der Grenzanlagen aus unmittelbarer Nähe.
Darüber hinaus verbindet das Netzwerk von Mohammed Jadallah Salem genau jene Fotografen, die am 7. Oktober die völkerrechtswidrige Geiselverbringung im Bild festhielten – darunter Haitham Imad (EPA) und Rizek Abduljawad.
Auch Amr Tarbash (der unter anderem für die BBC tätig war) befindet sich in diesem digitalen Zirkel. Tarbash ist ein weiterer Fotograf aus dem erweiterten Propagandanetzwerk der Hamas, der an diesem Tag vor allem den triumphalen Empfang der Terroristen und die Zurschaustellung der Opfer in Khan Younis dokumentierte.
Das folgende Videomaterial zeigt eindrucksvoll und zugleich erschütternd, wie die Masse der Menschen in Gaza – analog zu den Szenen rund um das Al-Shifa-Krankenhaus – die Ankunft der Geiselnahmen euphorisch und hasserfüllt bejubelt:
Mohammed Jadallah Salem hat seinem Auftraggeber Reuters gegenüber den Realitäten dieses Netzwerks verschwiegen. In der offiziellen Präsentation seiner Biografie auf der Reuters-Webpage erfährt der Besucher jedenfalls nichts über diese Verbindungen. Ich habe mich deshalb entschlossen, eine investigative Ergänzung zu diesem Dossier zu schreiben.
In diesem Zusatzartikel versuche ich Fragen zu klären, die ich mir nach meinen spontanen Recherchen im April 2024 gestellt habe – Recherchen, die viele fundamentale Fragen aufgeworfen haben. Lest dazu in den nächsten Tagen meinen Ergänzungsartikel:
Ergänzungsartikel zu Dossier Nr. 3
„Mohammed Jadallah Salem – Ein Meister der Täuschung?“
Vorschau: Geplante Dokumentationen (Dossier Nr. 4–6)
Die medienforensische Aufarbeitung der Bildberichterstattung wird in den kommenden Wochen fortgesetzt. Die nachfolgenden Dossiers befinden sich parallel in der Datenanalyse und Archivsichtung:
- Dossier Nr. 4: Rizek Abduljawad (XinHua) – Zeuge eines Kriegsverbrechens
- Dossier Nr. 5: Abu Reash, Abed (AP) – Zeuge eines Kriegsverbrechens
- Dossier Nr. 6: Mitarbeiter eines Öffentlich-Rechtlichen Senders filmt ein Kriegsverbrechen
Weiterführende Recherche-Empfehlung:
Passend zu den hier offengelegten Medien-Netzwerken empfehle ich dringend einen Blick auf die aktuelle Veröffentlichung eines geschätzten Kollegen. Seine Arbeit ist „eine systemische Diagnose eines Problems, das mit moralischen Schlagworten nicht mehr zu erfassen ist“ und verdient weit mehr öffentliche Aufmerksamkeit, als ihr im aktuellen Diskurs zugestanden wird:
👉 Hier geht es zur Recherche: North 1990: Structural Complementarity in Gaza
Durchd8 untersucht in einer vierteiligen Analyse die strukturelle Rolle von UNRWA im Gaza-Konflikt. Im Zentrum steht die Frage, ob Neutralität unter den realen Machtbedingungen in Gaza überhaupt noch überprüfbar ist. Die Analyse zeigt, wie UNRWA, Hamas, internationale Geldgeber und geopolitische Akteure in einem institutionellen Deadlock miteinander verschränkt sind. Der Beitrag ist keine politische Anklage, sondern eine systemische Diagnose eines Problems, das mit moralischen Schlagworten nicht mehr zu erfassen ist.
https://durchd8.com/north-1990
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