Zwischenstand (23.07.2026)

Der Spiegel und das Lügeninterview

Der Leiter des Spiegel-Auslandsressorts, Mathieu von Rohr, beantwortete lediglich meine erste E-Mail:

„Betreff: Dringende journalistische Intervention: Desinformation im Beitrag von Bernhard Zand (Interview mit Anthony Aguilar)
Sehr geehrter Herr von Rohr, sehr geehrter Herr Zand,
wir haben in der Vergangenheit bereits über meine Recherchen zur Gaza-Berichterstattung kommuniziert. Ich wende mich heute erneut an Sie, da der Spiegel mit dem Interview mit Anthony Aguilar eine Grenze überschritten hat, die ich nicht unkommentiert lassen kann.

In dem Beitrag lässt Herr Zand den Zeugen Aguilar detailliert über das vermeintliche Schicksal eines Jungen namens „Amir“ berichten. Der Zeuge gibt dabei selbst zu Protokoll: „Mit 100-prozentiger Sicherheit kann ich das nicht sagen.“ Dennoch wird dieser Vorfall im Kontext des Artikels als Beweis für das Verhalten israelischer Soldaten instrumentalisiert. Dass der Zeuge zudem das von der GHF vorgelegte Fotobeweis-Material, das den Jungen lebend zeigt, als „offensichtlich anderen Jungen“ abtut, wurde von der Redaktion nicht unabhängig verifiziert.

Meine gesicherten Informationen bestätigen: Der Junge Amir lebt. Er wurde nie getötet oder schwer verletzt. Die Erzählung, er sei durch israelisches Feuer gefallen, ist eine konstruierte Falschmeldung, die vom Spiegel ohne elementare Sorgfaltspflichten als vermeintliche Wahrheit verbreitet wurde.

Dass eine renommierte Redaktion auf Basis einer solchen „eventuellen“ und faktisch falschen Erzählung eine schwere Anklage gegen eine Kriegspartei konstruiert, ist ein journalistischer Gau. Das ist kein „Fehler“, sondern eine eklatante Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht (Verification).

Vor diesem Hintergrund fordere ich Sie auf:
1. Korrektur: Leiten Sie unverzüglich eine unabhängige Überprüfung des Sachverhalts ein und sorgen Sie für eine Richtigstellung, die den desinformativen Charakter dieser Episode klar benennt.
2. Transparenz: Legen Sie offen, warum der „Beweis“ (das Foto der GHF) nicht durch eine unabhängige Identitätsprüfung entkräftet wurde, sondern die Behauptung des Zeugen ohne Prüfung stehen blieb.
3. Stellungnahme: Ich erwarte eine Antwort, wie es zu dieser Form der redaktionellen Kontrolle kommen konnte.

Ich dokumentiere den Umgang Ihres Hauses mit der Gaza-Berichterstattung derzeit für ein Dossier. Den Umgang der Redaktion mit diesem konkreten Faktenfehler – sowie die Reaktion auf diese Mail – werde ich darin als Beleg für die aktuellen redaktionellen Standards des Spiegels festhalten.
Ich hoffe, dass wir hier zu einer fachlichen Klärung kommen, die den journalistischen Standards entspricht, denen sich der Spiegel verpflichtet fühlen sollte.

Mit kollegialen Grüßen,
Wolfgang Tietze, Journalist, www.wolfgangtietze.de, @WolfgangTietze3“

Hier die Antwort:

„Sehr geehrter Herr Tietze,

vielen Dank für Ihre Nachricht, der wir in der Bewertung allerdings nicht folgen.

Das am 1.9.2025 erschienene Interview hat das Schicksal des Jungen nicht als Tatsache präsentiert. Es enthält ausdrücklich die Einschränkung des Zeugen, er könne den Tod nicht mit Sicherheit bestätigen, sowie das Dementi der GHF samt dem Foto-Hinweis. Der Interviewer hat vielfach kritisch nachgefragt. Ein Interview gibt die Aussagen des Befragten als dessen Aussagen wieder, macht deren Grenzen transparent und stellt ihnen die Gegenposition gegenüber. Genau das ist hier geschehen. Die Gegenposition ist im Text mit Stand des Veröffentlichungszeitpunkts dokumentiert.

Ihre Aussage, es sei mittlerweile „gesichert“, dass der Junge lebe, stützt sich – auch in der von Ihnen verlinkten Quelle – allein auf Angaben der GHF, also der beschuldigten Organisation. Eine unabhängige Verifizierung existiert für keine der beiden Darstellungen. Eine Richtigstellung, die eine unbestätigte Darstellung einer Seite zur erwiesenen Tatsache erklären würde, kommt für uns deshalb nicht in Betracht.

Wir recherchieren weiterhin in dem Fall und werden, sofern sich neue Erkenntnisse ergeben, darüber berichten. Sollten Ihnen unabhängig überprüfbare Belege vorliegen, die über die öffentlich bekannten hinausgehen, sehen wir diese gern ein.

Mit freundlichen Grüßen
Mathieu von Rohr
Ressortleiter Ausland“

Weitere E-Mails blieben unbeantwortet. Dies hat seinen Grund, denn beim Spiegel räumt man nur ungern eigene Fehler ein. Doch es sind eben nicht nur Fehler, sondern es ist diesmal mehr. Es ist aktive Manipulation. Der Spiegel argumentierte mit einem Foto, dass es nicht gab. Nur um die Kernaussage bzw. die Lüge als Wahrheit zu vermarkten: „die israelische Armee tötet palästinensische Kinder“.

Ich hatte darauf weiter recherchiert. Ich hatte Kontakt mit der GHF und ich hätte sicherlich auch einen Kontakt zu Amir und seiner Familie bekommen. Meine finanziellen Möglichkeiten und Möglichkeiten dies zu publizieren sind jedoch begrenzt. Ich bot dem Spiegel meine Recherchen an, doch es herrscht Funkstille.

Die letzten beiden Sätze Rohrs waren also nichts anderes als Makulatur:

„Wir recherchieren weiterhin in dem Fall und werden, sofern sich neue Erkenntnisse ergeben, darüber berichten. Sollten Ihnen unabhängig überprüfbare Belege vorliegen, die über die öffentlich bekannten hinausgehen, sehen wir diese gern ein.“

Ich habe deshalb am 06.07. eine umfassende Beschwerde an den Presserat gesandt:

An den Deutschen Presserat – Beschwerdeausschuss
Betreff: Begründung zu meiner Beschwerde vom 06.07.
Sehr geehrte Damen und Herren des Beschwerdeausschusses,

hiermit reiche ich die ergänzende Begründung zu meiner Beschwerde gegen die Berichterstattung des SPIEGEL (Interview mit Anthony Aguilar, 01.09.2025) ein. Die anhaltende Weigerung zur Korrektur ist als vorsätzliche Irreführung der Leserschaft zu werten.

1. Verstoß gegen Ziffer 2 (Sorgfaltspflicht)
Die Redaktion hat es versäumt, die Glaubwürdigkeit des Zeugen Anthony Aguilar vor der Veröffentlichung am 01.09.2025 einer hinreichenden Prüfung zu unterziehen.

  • Investigative Widerlegung: Bereits am 10.08.2025 belegte The Daily Wire durch Bodycam-Aufnahmen und Interviews mit der Familie des Kindes, dass Aguilars Narrativ faktisch nicht haltbar war. Das detaillierte Dementi der GHF und die Recherchen von Matt Tardio waren zum Zeitpunkt der SPIEGEL-Veröffentlichung ebenfalls öffentlich zugänglich.
  • Aktive Manipulation: Der Interviewer konstruierte eine faktische Prämisse – die Existenz eines GHF-Fotos –, um Aguilar zu einer Bestätigung zu drängen, obwohl dieses Foto nie existierte. Dies stellt eine aktive redaktionelle Täuschung dar.
  • Anhang I (Falschdarstellung): Aguilar erfand zentrale emotionale Elemente: Der Junge küsste nicht Aguilar, sondern den Kameramann; der Junge sprach kein Englisch („Thank you“), was durch Videoaufnahmen zweifelsfrei widerlegt ist.
  • Zudem bestätigten Verwandte, dass der Junge am 28.07. verschwand – Monate nach Aguilars angeblichem Todesdatum. Es ist nach allem davon auszugehen, dass der Junge nie angeschossen oder verletzt wurde. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass Aguilar diese Story erst nach seinem Verschwinden am 28.07.2025 konstruiert bzw. frei erfunden hat.

2. Verstoß gegen Ziffer 3 (Wahrheitspflicht und Richtigstellung)
Der SPIEGEL verbreitet wissentlich eine Unwahrheit. Trotz der Beweislage, die den Fall forensisch als „Whistleblower-Hoax“ entlarvt hat – belegt durch das GHF-Pressebriefing (04.09.2025) und Richtigstellungen durch MSNBC, The Free Press, Fox News, Breaking Points und Middle East Eye –, hält die Redaktion bis heute an der Darstellung fest. Die Redaktionsleitung rechtfertigte dies mir gegenüber mit einer nachweislichen Unwahrheit: Man behauptete, das Interview enthalte eine „Einschränkung“. Tatsächlich äußerte Aguilar gegenüber anderen Medien: „Da er nicht gefunden wurde […], kann man mit Sicherheit sagen, dass meine Einschätzung richtig ist.“ Dieses Eingeständnis einer bloßen „Einschätzung“ wurde vom SPIEGEL ignoriert und stattdessen das Zitat „Amir fiel hin und bewegte sich nicht mehr.“ durch fette und rote Hervorhebung als unumstößlicher Fakt inszeniert.

Beweisunterlagen:

  • Dokument A: Original-Interview (01.09.2025) mit grafischer Hervorhebung.
  • Dokument B: Investigative Recherchen von Matt Tardio (August 2025).
  • Dokument C: Bericht von The Daily Wire (10.08.2025) & forensische Beweise.
  • Dokument D: GHF-Pressebriefing (04.09.2025) & Familien-Zeugnisse – Transskript.
  • Dokument E: Internationale Richtigstellungen (MSNBC, Fox News, Free Press, Breaking Points, Middle East Eye).
  • Dokument F: Schriftverkehr mit Herrn v. Rohr bezüglich des Interview-Wortlauts.
  • Dokument G: Original-Textnachrichten von Anthony Aguilar an sein Team (29.05.2025) mit Erläuterung: „Dass Aguilar unmittelbar nach dem angeblichen Vorfall (28.05.2025) noch begeistert über die ‚großartige Arbeit‘ berichtete und Fotos von Hilfseinsätzen teilte, ohne den Vorfall zu erwähnen, entlarvt seine spätere Darstellung als nachträgliche Konstruktion.“
  • Dokument H: Quellennachweise

Ich fordere den Presserat auf, den SPIEGEL zur umgehenden Korrektur des Interviews sowie zur öffentlichen Distanzierung von den nachweislich falschen Aussagen aufzufordern.
Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Tietze, Journalist“

Der Deutsche Presserat hat mir mittlerweile schriftlich bestätigt, dass nun die formelle Zulassung der Beschwerde geprüft wird. Sobald diese Hürde genommen ist, wird der Spiegel informiert und um Stellungnahme gebeten – erst im Anschluss befasst sich der Beschwerdeausschuss materiell mit dem Fall. Das Prozedere erfordert etwas Geduld, aber die formalen Voraussetzungen sind geschaffen, und es bleibt abzuwarten, wie die Redaktion auf die offizielle Anfrage reagieren wird.

Die ARD-Berichterstattung:

Monitor & Tagesschau – Aus der Propagandaküche der Hamas direkt in die deutschen Wohnzimmer

Was bisher geschah: Der Umgang der ARD mit den Vorwürfen

Der frühere Redaktionsleiter C. Limpert im ARD-Studio Tel Aviv war sich zu 100% sicher, dass sich kein Hamas-Mitglied in der Nähe der ARD-Mitarbeiter in Gaza befand. Im Januar 2024 ließ die ARD ihren Mitarbeiter in Gaza erklären, dass er u.a. Angst vor der Hamas habe und ausreisen möchte. Und wie immer war Israel schuld. Die ARD erklärte auch wiederholt, sie überprüfe regelmäßig die Social-Media-Kanäle ihrer Mitarbeiter. Eine Hamas-Nähe wollte man nicht attestieren und außerdem habe man sie hundertprozentig überprüft.

Nun gut, ein Mitarbeiter saß mit einem Hamas-Mediendirektor gemeinsam im Zelt und bezeichnet diesen als „amazing friend“. Dass er noch dazu für den Grenzübergang Rafah zuständig war und die Ausreise hätte bewerkstelligen können, sei nur am Rande erwähnt. Im selben Zelt saßen auch noch andere Freunde der Hamas. Einige von ihnen feierten die Massaker am 07.10. euphorisch.

Wie es mit der Nähe zur Hamas tatsächlich aussah, zeigte sich in einem Abspann eines Weltspiegel-Beitrages des ehemaligen Studioleiters Limpert. Ein Hamas-Mann führte die Kamera so wie sie auch am 07.10. führte, als die israelischen Geiseln ins Al-Shifa-Krankenhaus gebracht wurden.

Die ARD beantwortete meine vielen Fragen bisher nicht. Stattdessen bekam ich diese Antwort:

„Alle internationalen Medien, so auch das ARD-Studio Tel Aviv, sind bei der Berichterstattung aus dem Gazastreifen auf lokale Mitarbeiter angewiesen, da der Zugang zu dem Gebiet für internationale Medien (mit Ausnahme so genannter Embeds) durch Israel seit dem 7. Oktober 2023 blockiert wird. Das ARD-Studio Tel Aviv arbeitet aktuell mit wenigen Einzelpersonen im Gazastreifen zusammen. Die Überprüfung unserer Mitarbeitenden im Gazastreifen hinsichtlich einer möglichen Nähe zu Terrororganisationen ist ein laufender Prozess, der nach dem 7. Oktober 2023 nochmals intensiviert wurde. In einer Reihe von persönlichen Gesprächen und früheren Begegnungen (vor dem 7. Oktober) haben sie gegenüber verantwortlichen Mitarbeitern des ARD-Studios Tel Aviv glaubhaft gemacht, dass keine Nähe zu Terrororganisationen besteht. Sie haben dies aktuell jeweils noch einmal versichert.

Material, das das ARD-Studio Tel Aviv für seine Berichterstattung verwendet, kommt überdies von etablierten Nachrichtenagenturen.

Das Studio fordert von aktuellen und künftigen Mitarbeitern oder Zulieferern, dass diese alle ihre Social Accounts offenlegen. Diese werden vom Studio fortlaufend geprüft. Zudem müssen auch alle neuen Mitarbeiter oder Zulieferer einheitlich schriftlich erklären, dass keine Nähe zu einer Terrororganisation besteht. Jede dem Studio bekanntwerdende Rechtfertigung von Terror würde automatisch zu einer Trennung führen.

Sämtliches Material wird im ARD-Studio Tel Aviv nach strengen journalistischen Kriterien bearbeitet. Dazu gehört unter anderem auch der Abgleich mit weiteren Quellen, wie z.B. internationalen Hilfsorganisationen, OCHA, Vereinte Nationen sowie den israelischen Streitkräften.“

Auch der Programmdirektor Hinrichs wollte keine meiner Fragen beantworten. Seine knappe Antwort:

„Sie haben sich mit Ihrer Anfrage bereits an den BR gewandt. Der Antwort unseres Hauses ist nichts hinzuzufügen.“

Dieser Beitrag wird nicht der letzte in dieser Reihe sein. Die israel-feindliche und teilweise antisemitische Berichterstattung hat viele Sendungen hervorgebracht, die es zu analysieren lohnt.


Ein kleiner Ausblick

Meine schwierige Korrespondenz per E-Mail mit Spiegel-Redakteuren

PMP, die Firma, mit der das ZDF zusammenarbeitete: „Keine Anzeichen von Hamas“, so heißt es noch heute. Ein Blick hinter die Kulissen – von „88“ im Account bis zum Bejubeln von Hamas-Größen.

Als mich der heute-Moderator Ch. Sievers blockierte: Das Wort „blauäugig in Gaza“ war zu viel des Guten. Was machen die lieben Journalisten beim ZDF eigentlich den ganzen Tag?

Pia Steckelmann, die Nachfolgerin von Sophie v. d. Tann, über „Journalisten in Gaza“: Eine Analyse darüber, warum sich nichts ändern wird.

Sophie v. d. Tann und die Berichterstattung über das Al-Shifa-Krankenhaus: Wo blieb der Journalismus?

Überhaupt die Journalisten in Gaza – Eine Analyse: Schon im November 2023 bot ich allen Medien meine damalige Analyse an. Keiner hatte Interesse. Warum?

Endlich: Meine überarbeitete Meldung an den ICC: Sechs Zeugen, die die Verbringung der israelischen Geiseln in das Al-Shifa filmten und bejubelten.

Über Schwierigkeiten bei der Recherche: Eine Bestandsaufnahme und gleichzeitig eine Anklage gegen den heutigen Journalismus.