Ein Wort in eigener Sache – Warum diese Arbeit an ihre Grenzen stößt
Die Rekonstruktion dieser Ereignisse war viel – sehr viel – Arbeit. Wochenlange, forensische Archivsichtungen, der kontinuierliche Abgleich von Timelines und das Aufdecken digitaler Netzwerke im Hintergrund kosten unzählige Stunden.
Diese Arbeit ist zutiefst kostenintensiv. Wo die etablierte Presse wegschaut oder unkritisch fertige Narrative übernimmt, bleibt die Aufklärung an freier, unabhängiger Forensik hängen. Doch im Gegensatz zu den großen Medienhäusern steht hinter mir keine kapitalkräftige Redaktion.
Ich muss an dieser Stelle eine harte Wahrheit offenlegen: Ich habe meine gesamten medienforensischen Recherchen in den letzten drei Jahren ausschließlich durch Kredite privat vorfinanziert.
Diese finanzielle Belastungsgrenze ist jetzt endgültig erreicht. Ohne die direkte, finanzielle Hilfe meiner Leser kann und werde ich diesen Blog und die anstehenden aufwendigen Dossiers (Nr. 4 bis 6) nicht mehr aufrechterhalten können. Wenn Sie wollen, dass diese ungeschönte Aufarbeitung weitergeht und alle Leser weiterhin Zugang zu diesen wichtigen Fakten haben, bin ich jetzt existenziell auf Ihre Unterstützung angewiesen.
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Vorab ein paar Gedanken
Bevor ihr diesen Artikel lesen, möchte ich ein paar Gedanken vorab loswerden. Viel ist die Rede von „Pallywood“, wenn über den Krieg in Gaza gesprochen wird. Und ja, es stimmt: Es gibt diese Szenen. Schlecht inszenierte Sequenzen von Verletzten und Toten nach einem Bombenangriff; rote Farbe und sich plötzlich bewegende Leichen sind im Netz oft nicht zu übersehen. Auch die fehlerhaften KI-Bilder, auf denen Kinderhände plötzlich sechs Finger haben, sind Beispiele dafür.
Der nachfolgende Text ist jedoch keine Beweisführung dafür, dass das besagte Weltpressefoto eine solche plumpe Fälschung ist. Die Propagandisten der Hamas beherrschen ihr Handwerk – und dieses Foto ist der endgültige Beleg dafür. Mohammed Salem wusste genau, was er mit dieser Inszenierung auslösen würde. Der Boden im Westen war vorbereitet; jahrelang wurden die medialen Voraussetzungen dafür geschaffen. Only so ist es für mich erklärlich, dass dieses Bild eine millionenfache, unkritische Aufmerksamkeit erfuhr.
Dieses Foto hat geschafft, wovon Kriegsstrategen träumen: In der öffentlichen Wahrnehmung wurden aus Tätern Opfer und aus Opfern Täter. Die aufgeklärte Welt und auch Israel standen diesem Phänomen hilflos gegenüber – und bis zum heutigen Tag ist keine adäquate Antwort darauf gefunden worden. Das Foto stellt symbolisch den schmerzvollen Tod eines Kindes dar. Und an dieser Stelle muss ich etwas aussprechen, was einige im eigenen Lager vielleicht nicht gerne hören wollen:
Die tausenden durch Bomben getöteten Kinder im von der Hamas provozierten Krieg – diese unschuldigen Opfer – gibt es wirklich. Ich möchte hier nicht über konkrete, politisierte Zahlen diskutieren. Jeder kann sich diese grausamen, realen Bilder auf Telegram anschauen. Ich musste diese Forensik im Zuge meiner Recherche monatelang über mich ergehen lassen, und es war mitunter zutiefst bedrückend. Die Hamas wollte diesen Krieg, und sie führt ihn sehenden Auges auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung.
Ich war schon in meiner Jugendzeit ein überzeugter Kriegsgegner und bis Mitte der 1980er-Jahre aktiv in der Friedensbewegung – zu einer Zeit, als die Friedensbewegung diesen Namen noch redlich verdient hatte. Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass Kriege verhindert werden müssen. Doch das bedeutet auch: Totalitäre Regime wie im Iran oder das Terror-Konstrukt in Gaza dürfen erst gar nicht entstehen. Der Gaza-Krieg wurde von der Hamas und anderen palästinensischen Terrorgruppen mit einem beispiellosen Massaker und Geiselnahmen begonnen. Israel hatte jedes Recht, darauf militärisch zu reagieren. Trotzdem muss dieser Krieg enden – und zwar ohne eine Hamas an der Macht.
Bitte lest nun meinen Text. Er ist als notwendige medienforensische Ergänzung zu meinem Dossier Nr. 3 gedacht.
Die Reise geht weiter
Wochen vor der feierlichen Preisverleihung der World Press Photo Akademie in Amsterdam entbrannte in den sozialen Medien eine intensive Debatte über das spätere Siegerfoto von Mohammed Salem.

Als ich dieses Foto zum ersten Mal sah, fiel mir sofort ein, dass mir genau dieses Motiv bereits im Oktober 2023 beim systematischen Durchforsten zahlreicher palästinensischer Telegram-Kanäle aufgefallen war. Es erschien schon am 18.10.2023 auf dem persönlichen Account des palästinensischen Journalisten Muthana Al Najjar. Al Najjar ist in diesem Gefüge keineswegs irgendjemand. Doch dazu im weiteren Verlauf mehr.
Bilddokumentation: Originaler Screenshot des Beitrags. Der arabische Begleittext unter der Szene lautet übersetzt: „Gibt es einen Ausdruck, der aussagekräftiger [beredter] ist als diese Szene?“ – eine rhetorische Inszenierung, die den emotionalen Gehalt der visuellen Botschaft gezielt verstärken soll.
Die Metamorphose des Narrativs: Vom Sohn zur Nichte
Im März 2024 begann ich erneut, gezielt auf Telegram nach diesem spezifischen Foto zu suchen – denn die Aufnahme warf von Beginn an fundamentale Fragen auf. Auf einem weiteren einflussreichen regionalen Kanal, dem Al-Maidan Media Network, wurde ich schließlich fündig. Die zeitliche und inhaltliche Struktur dieses Kanals ist dabei von herausragender Bedeutung.
Die dortige Bildunterschrift lautete am 18.10.2023 um 12:06 Uhr ganz konkret: „Sie kann es nicht ertragen, sich von ihrem Sohn zu trennen, der bei den anhaltenden Bombenangriffen auf den Gazastreifen ums Leben kam“. Direkt unter dieser Meldung wurde der offizielle Kampagnen-Hashtag „#Al-Aqsa-Überschwemmung“ platziert.
Ein Blick auf die Chronologie des Feeds zeigt zudem die unmittelbare redaktionelle Nähe des Kanals zu etablierten arabischen Großmedien: Nur wenige Minuten später, exakt um 12:14 Uhr, speist das Netzwerk eine Eilmeldung unter direkter Berufung auf eine exklusive medizinische Quelle von Al Jazeera ein. Es wird deutlich, dass die „Sohn-Variante“ in einem professionell vernetzten, Al-Jazeera-nahen Medienumfeld generiert und verbreitet wurde. Dieses Netzwerk hat die Bildinhalte Salems von Beginn an im Sinne der regionalen Narrativvorgaben gerahmt.
Die forensische Rekonstruktion der Ereignisse zeigt ein eklatantes, sich stündlich widersprechendes Narrativ in den Veröffentlichungen von Mohammed Jadallah Salem. Die Chronologie der gezielten Desinformation lässt sich anhand der Zeitstempel wie folgt lückenlos nachweisen:
| Datum / Uhrzeit | Das wechselnde Narrativ |
|---|---|
| 18.10.2023 / 12:06 Uhr | Die Einführung als „Sohn“. „Eine Mutter trauert um ihren verstorbenen Sohn“ (Al-Maidan / Al Jazeera). |
| 18.10.2023 / 15:37 Uhr | Keine konkrete Nennung mehr. Nur noch allgemein: „Gibt es etwas Ausdrucksstärkeres“. |
| 25.10.2023 | Salem schaltet einen weiteren Post und verbreitet die allgemeine, unschärfere emotionale Erzählung einer „Mutter mit Kind“-Geschichte für das internationale Publikum. |
| 02.11.2023 | Der abrupte Schwenk zur „Nichte“. Reuters übernimmt an diesem Tag offiziell das finale Skript und speist die Identität der fünfjährigen Nichte Saly unhinterfragt in den globalen Newsfeed ein. |
Wie willkürlich und koordiniert diese Bezeichnungen ausgetauscht wurden, belegt eine weitere digitale Spur: In exakt dieser Zeitlinie speicherte Salem im Hintergrund das Reel einer Followerin ab, welches explizit als „Mutter mit Sohn“ betitelt war. Je nach propagandistischem Bedarf und emotionaler Wirkung auf den westlichen Betrachter wechselte die Identität des Kindes flexibel zwischen Sohn, Nichte und allgemeiner Tragödie.
War der 2. November eine Reuters-Inszenierung? Nein. Es war eine handwerklich präzise Exekution der Hamas-Propagandamaschinerie durch Akteure wie Salem. Das Totalversagen von Reuters liegt nicht im Erfinden der Bilder, sondern im unkritischen Durchreichen: Sie haben die Propagandawaffe aus Gaza entgegengenommen, mit dem Gütesiegel des westlichen Qualitätsjournalismus versehen und ungeprüft in die Wohnzimmer der freien Welt gefeuert. Es ist eine Symbiose aus lokaler Täuschung und globaler Naivität.
Die Anatomie einer globalen Täuschung: Wer recherchierte für Reuters?
Das Bild der Frau, die das tote Kind im Arm hält, ging um die Welt und wurde zum „World Press Photo of the Year“ gekürt. Die von Reuters verbreitete Version steht felsenfest: Es sei die fünfjährige Nichte Saly. Doch wer hat diese Geschichte vor Ort eigentlich unabhängig überprüft? Die Antwort entlarvt das systemische Versagen des modernen Agenturjournalismus: Niemand.
- Die Inszenierung (Gaza): Sämtliche Details, Namen und Verwandtschaftsverhältnisse stammen exklusiv von Mohammed Salem selbst. Es gab keine unabhängige Zweitquelle in Gaza. Salem agierte hier als Regisseur eines emotionalen Narrativs, dessen Kern sich auf seinen privaten Kanälen in den Folgetagen stündlich widersprach.
- Die Multiplikation (London/Global): Die Reuters-Zentrale hat die Bildbeschreibungen ihres Mannes vor Ort ungeprüft und ohne jeglichen Faktencheck in den globalen Newsfeed eingespeist. Man hat einer lokalen Propagandawaffe das unfehlbare Gütesiegel aufgedrückt.
Das Schutzschild der „widrigen Umstände“: Ein Realitätscheck
Reuters behauptet heute, die 14-tägige Dauer bis zur Festlegung der Bilddetails sei den logistischen Widrigkeiten im Kriegsgebiet geschuldet gewesen. Diese Erklärung hält einer Prüfung nicht stand. Die Fakten sprechen eine andere Sprache:
- Kein technisches Blackout: Mohammed Salem und sein Netzwerk waren in diesen 14 Tagen durchgehend online. Sie streamten, posteten und verbreiteten täglich hochauflösendes Bildmaterial über Telegram und Instagram. Die Kommunikationswege nach London standen.
- Das wandernde Narrativ: Die zwei Wochen wurden nicht für logistische Recherchen benötigt. Sie dokumentieren den Zeitraum, in dem das Narrativ im Profil des Fotografen wild mutierte. Mitten in dieser angeblichen Prüfphase (25. Oktober) erfand Salem auf seinen Kanälen die „Mutter-Kind-Geschichte“.
Nicht die Umstände in Gaza waren widrig, sondern das Drehbuch war unklar. Reuters saß zwei Wochen lang am Tropf eines lokalen Propagandisten, der die Identität des Kindes je nach tagesaktueller emotionaler Wirkung für den Westen anpasste, bis man das finale Skript am 2. November blind übernahm.
Die filmische Tonebene und das Schweigen der Eltern
Die Zweifel vertiefen sich, wenn man das von Reuters veröffentlichte Videomaterial einer Audioanalyse unterzieht. Im Inneren des Zeltes ist die weinende Frau zu hören. Ihre Stimme klingt auffallend weich, fast „quietschig“ und bricht in einer Frequenz ab, die anatomisch kaum zu den schweren Atembewegungen passt, die das Video zeitgleich zeigt.
Sobald die Kamera die Trümmer außerhalb des Zeltes einfängt, schlägt die Akustik abrupt um: Die Stimme wird hörbar härter, tiefer und nimmt eine völlig veränderte Klangfarbe an. Dieser drastische akustische Bruch wirft die Frage auf, ob hier im Nachgang eine gezielte Tonbearbeitung oder ein Dubbing stattfand, um das emotionale Narrativ für den westlichen Markt filmisch zu verdichten.
Neben der Tonebene irritiert die Dynamik der anwesenden Personen. Ein kleiner Junge bewegt sich in unmittelbarer Nähe der Szenerie. Seine Körpersprache zeigt keinerlei Anzeichen jener tiefen, instinktiven emotionalen Erschütterung, die man bei einem Kind erwarten müsste, das gerade seine kleine Schwester verloren hat. Er wirkt seltsam distanziert, fast wie ein unbeteiligter Statist.
Weitaus schwerwiegender ist jedoch eine fundamentale erzählerische Lücke, die von den westlichen Bildagenturen komplett verschwiegen wird: Wo waren die leiblichen Eltern der fünfjährigen Saly? Wenn die Mutter – wie es die offizielle Reuters-Biografie behauptet – gemeinsam mit dem Kind bei dem Luftangriff ums Leben kam, warum wird ihr Schicksal im Video vollkommen ausgeblendet? Warum konzentriert sich das gesamte Narrativ der Kamera ausschließlich auf die Tante Inas Abu Maamar, während auch vom überlebenden Vater jede Spur fehlt? Diese radikale Verengung auf eine einzige, ikonische Trauergestalt entspricht den klassischen Mustern der visuellen Kriegspropaganda.
Bild 1
Bild 2
Bild 3
Bild 4
Bild 5: „Gibt es einen Ausdruck, der aussagekräftiger [beredter] ist als diese Szene?“
Das journalistische Ökosystem: Salems Netzwerk
Die Produktion von international prämierten Bildinhalten im Gazastreifen findet nicht in einem neutralen Raum statt. Sie ist eingebunden in ein engmaschiges lokales Netzwerk von Fotografen, Fixern und Medienaktivisten, die sich gegenseitig stützen, Kanäle teilen und Inhalte zuspielen. Ein präziser Blick auf die direkten Kontakte von Mohammed Salem zeigt, wie dieses Umfeld beschaffen ist.
Fallbeispiel 1: Hassan Eslaiah – Das Sinwar-Foto
Das berüchtigte Foto, das den freien Journalisten Hassan Eslaiah in vertrauter Pose mit dem Hamas-Führer Jahja Sinwar zeigt, ging nach dem 7. Oktober durch die Medien. Doch während das Bild omnipräsent war, wurde die dazugehörige, originale Bildunterschrift im Westen systematisch verschwiegen.
Sie lautete: „Ein Foto, welches gerade von unserem geliebten Abu Ibrahim [Sinwar] aufgenommen wurde.“ Diese Beschreibung liefert den entscheidenden Quelltext, der die reine visuelle Suggestion in ein völlig anderes Licht rückt. Es dokumentiert die offizielle Einordnung des Moments, die dem westlichen Betrachter vorenthalten wurde.
Fallbeispiel 2: Muthana Al Najjar – Die dokumentierte Entführung
Muthana Al Najjar ist die direkte personelle Brücke zum Weltpressefoto, da er das Bild von Inas Abu Maamar am 18. Oktober als Erster im regionalen Raum verbreitete. Seine Aktivitäten am 7. Oktober sind durch seine eigenen Live-Feeds unumstößlich belegt:
Er überschritt die Grenze ohne journalistische Schutzkleidung und berichtete live im triumphalen Tonfall direkt aus dem brennenden israelischen Kibbuz Nir Oz. Er filmte aus nächster Nähe, wie israelische Zivilisten – darunter die Familie Bibas mit ihren Kleinkindern – gewaltsam auf Pick-ups gezerrt und verschleppt wurden. Seine Aufnahmen dienten in den ersten Stunden als primäres Propagandamaterial.
Diese Beispiele zeigen ein wiederkehrendes Muster: Die Akteure, die den westlichen Medienmarkt mit Bildern beliefern, waren am 7. Oktober keine passiven Beobachter. Sie waren teils Akteure, teils feiernde Dokumentaristen der Gräueltaten. Dass Mohammed Salem diesen Personen auf Plattformen wie Instagram folgt und Muthana Al Najjar ihm öffentlich zum World Press Photo gratuliert, belegt, dass hier keine berufliche Distanz gewahrt wurde. Das westliche Publikum erhält Bilder aus den Händen eines Netzwerks, das am schwersten Terrorangriff der jüngeren Geschichte aktiv partizipierte oder diesen legitimierte.
Räumliche Rekonstruktion: Das Infrastruktur-Muster
Der kontrollierte Raum zieht sich vom 7. Oktober bis zum Weltpressefoto wie ein roter Faden durch die Bildsprache:
- Die geschlossene Kulisse am 7. Oktober: Die Aufnahme einer entführten Geisel direkt aus einem innenliegenden, gefliesten Spezialraum des Nasser-Krankenhauses dokumentiert die Existenz isolierter, von bewaffneten Kräften kontrollierter Zonen ab der ersten Stunde.
- Die identische Ästhetik im prämierten Motiv: Trotz des Massenchaos im gesamten restlichen Klinikkomplex zeigt die spätere Reuters-Aufnahme dieselbe hermetische Isolation und bauliche Charakteristik (karge Wände, klinische Fliesenstrukturen, Fehlen jeglicher logistischer Faktoren wie amtliche Beschriftungen auf dem Leichensack). Beide Aufnahmen blenden das reale, überlaufene Chaos des restlichen Krankenhausbetriebs vollständig aus.


Das Propagandahauptquartier Al-Shifa
Es ist kein Zufall, dass nach dem 7. Oktober fast alle Journalisten und Kamerateams – selbst die aus dem Süden wie Khan Yunis – im Al-Shifa-Krankenhaus versammelt waren. Al-Shifa war an diesem Tag, dem 17.10., kein reines Krankenhaus mehr, sondern das organisierte Propagandahauptquartier für den gesamten Gazastreifen.
Diese Konzentration hatte Methode: Nur so konnte die Bildproduktion an einem Ort gebündelt, kontrolliert und im Sinne der Hamas gesteuert werden. Das erklärt auch, warum die verschiedenen Aufnahmen (wie die Drohnenbilder von Ashi und die Bodenaufnahmen von Abduljawad) so perfekt ineinandergreifen. Aus anderen wichtigen Kliniken, wie dem Nasser-Krankenhaus in Khan Yunis, gab es zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Berichte. Die Journalisten waren nicht dort, wo das Leid am größten war, sondern dort, wo sie als Kamera-Pool für die Inszenierung der Geiselverbringung gebraucht wurden.
Das Salem-Foto – Eine künstlerische Anklage statt Dokumentation
Mit diesem Wissen im Hinterkopf müssen wir auch das weltbekannte Foto von Mohammed Salem betrachten. Wenn man sich die Stimmung und die theatralische Komposition des Bildes ansieht – eine trauernde Frau, die ein Leichentuch wie in einer klassischen Skulptur hält –, spricht vieles dafür, dass dieses Foto nicht spontan im Chaos entstand. Es wurde am Morgen des 18. Oktober fabriziert.
Es war die direkte, „künstlerische“ Antwort auf die Ereignisse des Vorabends. Am 17. Oktober stand das Al-Ahli-Arab-Krankenhaus im Mittelpunkt. Die Hamas meldete sofort 500 Tote durch einen israelischen Luftangriff – eine Nachricht, die ungeprüft um die Welt ging. Fotos und Analysen vom nächsten Morgen zeigten schnell die Wahrheit: Die Ursache war eine abgestürzte Rakete des Islamischen Dschihad, und die Opferzahl lag deutlich unter 100.
Als dieses Narrativ zu bröckeln begann, brauchte die Propagandamaschine am Morgen des 18. Oktober dringend ein neues, emotionales Symbol, um die weltweite Empörung am Laufen zu halten. Das Salem-Foto lieferte genau das. Es bediente die Sehnsucht der Medien nach einem reinen Opfer-Narrativ. Dass die Jury des World Press Photo ein solches Werk prämierte, ohne den Entstehungskontext im Propagandahauptquartier zu hinterfragen, zeigt das totale Versagen der redaktionellen Prüfung.
Fazit
Am Ende zeigt sich ein doppeltes, systemisches Versagen der redaktionellen Sorgfaltspflicht. Eine Weltnachrichtenagentur wie Reuters prüft die physischen Bedingungen vor Ort nicht mehr selbst, sondern verlässt sich blind auf lokale Mitarbeiter, deren Material ohne westliche Gegenrecherche oder unabhängige Kontrolle übernommen wird. Westliche Leitmedien übernehmen diese fertigen Bildmotive völlig unkritisch. Statt die offensichtlichen visuellen Widersprüche in den Quellen zu hinterfragen, wird das Material direkt durchgereicht. Weil die emotionalisierte Erzählung perfekt in den Sendeplan passt, wird das Millionenpublikum am Ende nicht mit geprüften journalistischen Fakten bedient, sondern mit der ungeprüften Bildregie lokaler Akteure.
Vorschau: Geplante Dokumentationen (Dossier Nr. 4–6)
Die medienforensische Aufarbeitung der Bildberichterstattung wird mit den Kurz_Dossiers Nr. 4 u. 5 fortgesetzt. Den Abschluss bildet das Dossier Nr. 6. Dieses Dossier ist gleichzeitig ein Auszug aus meiner Recherche zur Gaza Berichterstattung der ARD, des ZDF und Der Spiegel.